Kritische Anmerkungen zum "Kooperationismus" in der neu entstehenden Jugendhilfelandschaft
Nach unserer Kenntnis haben in der Praxis seit Anfang der 80ger
Jahre (so lange kann ich erst mitreden) engagierte KollegInnen sowohl in den
Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendsozialarbeit als auch der Hilfen
zur Erziehung, die bereit waren - orientiert an den Bedürfnissen der
Kinder und Jugendlichen- über den Tellerrand ihrer Einrichtung und Arbeitsplatzbeschreibung
hinauszuschauen, die verschiedensten Formen von Kooperationen aufgebaut. Die
einen haben sich als tragfähig über längere Zeiträume
erwiesen- andere nicht.
Der- aus unserer Sicht- entscheidende Unterschied:
Die in den Anfang der 80ger bis Ende der 90ger Jahren (immerhin 20 Jahre insgesamt)
auf diese Weise entstandenen Kooperationen dienten ausschließlich der
Erhöhung und Weiterentwicklung der jungen Menschen, mit denen die jeweiligen
KollegInnen es in ihrer Arbeit zu tun hatten. Dafür gab es weder Lorbeeren,
noch zusätzliche oder "Einrichtungsüberlebens"-Gelder.
Im Gegenteil- in der Regel bedeutete diese Form der Arbeit, sich außerhalb
der Öffnungszeiten der Kinder- und Jugendeinrichtung oder der Dienstschichten
in einer Einrichtung der Hilfe zur Erziehung Gedanken zu machen, Kontakte
zu knüpfen, Kooperationen (von den Kindern oder Jugendlichen gewollt)
möglichst unkompliziert herzustellen.
So sind da oder dort gewachsene tragfähige Kooperationen entstanden,
die manchmal leider durch Personalwechsel auch wieder eingeschlafen sind.
Ab und zu mussten wir auch die Erfahrung machen, dass die Kooperationsbedürfnisse
unsererseits an (institutionellen) Berührungsängsten scheiterten.
Ab und zu kam dann zugegebenermaßen der Wunsch auf, Kooperation durch
Verordnung erzwingen zu können. - Bei genauerem Hinsehen ein irrwitziger
Gedanke.
Was bedeutet Kooperation? Doch wohl "zusammen arbeiten" mit dem
Ziel eines Ergebnisses, das weitere (fruchtbare) Perspektiven eröffnet.
Solch ein Ansinnen unter Zwang? Lächerlich! Jedes Lebewesen zeigt instinktiv
die Reaktion auf Zwang nur das zwingend Notwendigste zu tun!
Soviel vorab.
Nun zur heutigen Zeit der "Globalrichtlinien zur `Weiterentwicklung`
der Jugendhilfe".
Die Ausgangslage.
Im wesentlichen stehen sich aus unserer Sicht zwei unterschiedliche Formen
von Jugendhilfe gegenüber, die als Voraussetzung zum eigenen Überleben
der Kooperation miteinander unterworfen sind:
Einerseits die Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendsozialarbeit (oft
sehr kleiner) freier Träger, die seit Anfang der 80ger Jahre einerseits
mit den steigenden Anforderungen durch die ständig wachsenden Probleme
der Jugendlichen aus den Vierteln, deren Bewohner zunehmend von der Teilnahme
am Erwerbsleben eliminiert wurden, konfrontiert waren und gleichzeitig die
stetige Senkung ihrer öffentlichen Zuwendungen- gemessen an den Bedürfnissen
der Jugendlichen und den allgemeinen Preissteigerungen erleben mussten; deren
wenige Mitarbeiter jeweils ein überdimensional hohes Maß an Verantwortung
für eine fruchtbare Kinder- und Jugendsozialarbeit einerseits und das
Überleben ihrer Einrichtung andererseits zu tragen hatten (nicht aus
Versehen entstand Anfang der 80ger Jahre der AUFSCHREI) .
Auf der anderen Seite Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung freier Träger,
deren Träger in der Regel verhältnismäßig groß
waren, sich extra Planstellen zur Geschäftsführung, Absicherung,
Konzeptentwicklung leisten konnten.
Die Mitarbeiter der Erstgenannten verschlissen sich im Laufe der 80ger und
90ger bei der Suche, Antragstellung und Abrechnung von Zuwendungstöpfen,
die die in der Regel nicht mehr ausreichenden öffentlichen Zuschüsse
für ihre Arbeit aufstocken sollten- oftmals um den Preis `ihre` Kids
zumindest schriftlich zu stigmatisieren, dass `die Heide wackelt`, damit überhaupt
`Kohle floss`-; ganz abgesehen davon, das in diesen kleinen 1-3 `Mann`-Betrieben
solch eine permanente Antrags- und Abrechnungsarbeit zu Lasten des Kontaktes
zu und des Lebens mit den jeweiligen Kindern und Jugendlichen ging.
Die KollegInnen in den Einrichtungen der Hilfen zur Erziehung andererseits
sahen sich damit konfrontiert, dass immer mehr junge Menschen immer weniger
bereit waren Erwachsene als `Autorität` anzuerkennen oder ihnen Vertrauen
zu schenken und immer schneller `die Abstimmung mit den Füßen machten`,
sprich: aus Jugendwohnungen einfach wegliefen. In der Regel jedoch verfügten
deren Träger über genügend Ressourcen, sich Personal leisten
zu können, das sich ausschließlich mit Weiterentwicklung, Konzeptionierung,
Entwicklung von Überlebensstrategien und Geschäftsführung beschäftigte.
Nun treffen Anfang des neuen Jahrtausends beide Arten von Jugendhilfeträgern zum Zwecke der Zwangskooperation in einer sich weiterentwickeln sollenden Jugendhilfe aufeinander- die kleinen ausgebluteten und die großen gewappneten. In der Regel scheint sich bis dato dieser Prozess der so entstehenden Kooperationen nach folgendem Muster zu vollziehen: die einen suchen sich als Bewilligungsvehikel für ihre bereits in den Schubladen liegenden umfangreichen Konzepte einen kleinen Träger der offenen Kinder- und Jugendsozialarbeit. Die anderen wiederum- in der Hoffnung auf den finanziell rettenden Strohhalm für ihre Einrichtung- lassen sich ohne großes Nachdenken darauf ein.
Wo liegt das Problem?
Problematisch ist, das sich dies ohne Zeit zur Wertediskussion vollzieht,
ohne sich die Frage zu stellen, was durch diese Zusammenschlüsse für
die Kinder und Jugendlichen -und um deren Entwicklung, Leben, Freude und Zukunft
soll es doch eigentlich gehen- schöneres, besseres und ihren Bedürfnissen
angemesseneres entstehen soll.
Wir sprechen hier- mit Verlaub- nämlich nicht mal eben von freiwilliger
und selbstbestimmter enger Zusammenarbeit von verschiedenen Jugendhilfeeinrichtungen.
Gegenstand ist die verordnete Kooperation von Einrichtungen der verordneten
und fallbezogenen Jugendhilfe, die naturgemäß einen Zwangscharakter
beinhaltet einerseits und der offenen Kinder- und Jugendhilfe, deren wichtigste
Grundwerte bis dato die Freiwilligkeit, die Offenheit für alle, die Parteilichkeit
für das Mädchen bzw. den Jungen und die Verschwiegenheit waren,
andererseits.
Die offene Kinder- und Jugendsozialarbeit muss sich- will sie
nicht ihr eigenes Profil für die Kinder und Jugendlichen verlieren- ihrer
klassischen Prinzipien und Standards neu bewusst werden und diese selbstbewusst,
streitbar und nicht korrumpierbar in die Kooperations- und Konzeptdiskussionen
einer sich neu entwickelnden Jugendhilfelandschaft einbringen.
Ohne diese Wertediskussion, die nicht nur auf der Ebene der praktischen Arbeit
der Kolleginnen und Kollegen der offenen Kinder und Jugendsozialarbeit sondern
auch an den Ausbildungsinstituten für Sozialarbeiter und Erzieher geleistet
werden muss, besteht die Gefahr, dass dieser Arbeitsansatz völlig von
der Bildfläche verschwindet und wir wieder zu einer Jugendhilfe kommen,
in der ausschließlich die Erwachsenenwelt bestimmt, was für einen
jungen Menschen gut und entwicklungsfördernd zu sein hat und was nicht,
in der die Beteiligung von jungen Menschen als Worthülse zum Zwang mutiert.
Klassische Prinzipien und Standards offener Kinder- und Jugendsozialarbeit
| Die offene Kinder- und Jugendsozialarbeit muss sich- will sie nicht ihr eigenes Profil für die Kinder und Jugendlichen verlieren- ihrer klassischen Prinzipien und Standards neu bewusst werden und diese selbstbewusst, streitbar und nicht korrumpierbar in die Kooperations- und Konzeptdiskussionen einer sich neu entwickelnden Jugendhilfelandschaft einbringen |
In der Auseinandersetzung um Prinzipien und Standards einer an den Bedürfnissen junger Menschen orientierten offenen Kinder- und Jugendsozialarbeit, deren Wurzeln in einer humanistischen und emanzipatorischen Pädagogik der Befreiung liegen, werden wir nicht umhinkommen- und dies kann diesem Arbeitsansatz nur gut tun- all diese Prinzipien auf dem Hintergrund einer tiefgehenden Grundwertediskussion zu klären. Schon Jean- Paul Sartre hat in seinem Werk Les Mots, Die Wörter veranschaulicht, dass Worte an sich keinen eigenen Wert darstellen sondern dem jeweiligen Wertehintergrund ihrer Benutzer unterworfen sind.
Freiwilligkeit
Der Zugang zu und die Teilnahme an den Angeboten ist grundsätzlich freiwillig.
Die Adressaten bestimmen frei und selbstbestimmt über ihre Teilnahme
an Angeboten und über die Dauer und das Ende ihrer Mitarbeit.
Niedrigschwelligkeit
Die Angebote sind offen zugänglich, leicht erreichbar und in der Teilnahme
nicht an Auflagen oder Bedingungen geknüpft.
Verschwiegenheit
Grundsätzlich können die BesucherInnen davon ausgehen, dass sie
den MitarbeiterInnen gegenüber offen sprechen können, ohne eine
Weitergabe der vertraulich gegebenen Informationen an Dritte befürchten
zu müssen. Diese Verschwiegenheit bezieht sich in gleicher Weise auf
Personen wie auf Einrichtungen oder Dienststellen.
Parteilichkeit
Die MitarbeiterInnen stehen grundsätzlich auf der Seite der AdressatInnen
und vollziehen deren Sichtweisen, Reaktions- und Handlungsmöglichkeiten
nach, denn diese haben einen für das Kind oder den Jugendlichen wichtigen
Grund.
Akzeptanz
In der Arbeit werden Unterschiede im Handeln der AdressatInnen nicht bewertet
oder abgeurteilt sondern als Basis für Auseinandersetzungen genutzt.
Dies ist eine wichtige Bedingung für die vertrauensvolle Zusammenarbeit
von BesucherInnen und MitarbeiterInnen.
Beteiligung
Die BesucherInnen wirken an der Gestaltung des Angebotes freiwillig mit. Die
Ausgestaltung bezieht sich grundsätzlich auf die Interessen, Wünsche
und Bedürfnisse der AdressatInnen. Sie werden ermutigt, ihre Interessen
einzubringen, Kritik, Anregungen und Veränderungswünsche zu äußern.
Integration
Jeder Besucher hat als Mensch seinen eigenen Platz in der Einrichtung ohne
Zuschreibung von Rassen-, Klassen und sonstigen Unterschieden oder Problemen.
Resourcenorientierung
Die Arbeit orientiert sich an den Fähigkeiten und Fertigkeiten der BesucherInnen,
hebt diese hervor, fördert sie und nimmt sie als Ausgangsbasis zur Entdeckung
und Entwicklung weiterer Kompetenzen.
Lebensweltorientierung
Die MitarbeiterInnen lassen sich auf die Lebens- und Erfahrungshintergründe
der BesucherInnen ein ohne sie zu bewerten. Sie erleben mit den BesucherInnen
die Schönheit aber auch die Trauer ihres Lebensalltags und ihrer Lebensbedingungen.
Stadtteilorientierung
Die Arbeit ist aktiver Teil des Stadtteils oder Viertels und bezieht die örtliche
Umgebung, den Aktionsradius der BesucherInnen und die soziokulturelle und
ökonomische Infrastruktur mit ein.
Einmischung
Die MitarbeiterInnen engagieren sich über die Grenzen ihrer Einrichtung
hinaus sozialpolitisch mit dem Ziel die Lebens- und Zukunftsbedingungen ihrer
BesucherInnen zu verbessern, ihre Menschenwürde und Menschenrechte zu
wahren und ihnen eine selbstbestimmte anerkannte Teilhabe an der Gesellschaft
zu sichern.