Hausarbeit
Im Fach Grundlagen und Konzepte der Sozialen Arbeit
Des Fachbereichs Sozialpädagogik
Der Fachhochschule Hamburg
Vorgelegt von:
Denise Desmarowitz
Leiter des Seminars: Dr. Richard Sorg
Semester: Wintersemester 2000/ 2001
Versuch einer Definition
Sexueller Missbrauch ist in erster Linie eine sexuelle Form des Machtmissbrauchs,
d.h. es geht dem Täter nicht um sexuelle Befriedigung, sondern um Macht.
Sexueller Missbrauch beginnt bei Grenzverletzungen mit sexueller Absicht eines
Er-wachsenen (oder Jugendlichen), z.B. ständiges Eindringen in die Intimsphäre,
anzügliche Blicke oder Redensarten mit sexuellem Inhalt. Diese im ersten
Moment harmlos wirkenden Dinge fallen aber genauso unter Missbrauch wie das
Zeigen und Anfertigen von Pornofilmen oder der jahrelang erzwungene Geschlechtsverkehr.
Dabei ist immer entscheidend, was das Kind empfindet. D.h. dort, wo Grenzen
und "Nein-sagen" nicht beachtet wurden und das Kind sich sexuell ausgebeutet
fühlt (auch, wenn es das nicht so formuliert), hat auch Missbrauch stattgefunden.
Es besteht grundsätzlich ein Machtgefälle zwischen Täter und
Opfer, das durch Wissen, emotionale oder strukturelle Abhängigkeit gekennzeichnet
ist. Diese Abhängigkeit, Liebe und Vertrauen des Kindes werden vom Täter
ausgenutzt und ausgebeutet. Gleichzeitig beinhaltet das vorhandene Machtgefälle
auch, dass ein Kind NIEMALS ein willentliches Einverständnis zu sexuellem
Handeln geben kann, da es weder die kognitive noch die soziale Reife hat, die
Folgen zu überblicken. Die Verantwortung für die Tat liegt also alleine
und ausschliesslich beim Täter, niemals beim Opfer!
Sexueller Missbrauch ist meistens eine Wiederholungstat, da der grösste
Teil der Täter aus dem nahen sozialen Umfeld stammt. Die Tat ist geplant
und bewusst herbei geführt, damit der Täter seine eigenen Bedürfnisse
durch sexuelle Handlungen befriedigen kann. Er/ Sie missbraucht die eigene Macht
und Autorität um seinen Willen durchzusetzen, evtl. auch körperliche
Gewalt, und zwingt das Kind zur Geheimhaltung.
Von verschiedenen Autoren/ innen wurden noch andere Aspekte mit aufgenommen,
so z.B. der Altersunterschied zwischen Täter und Opfer oder ähnliches.
Aus diesem Grunde gibt es keine allgemein gültige Definition.
Opfer
.Nach verschiedenen Untersuchungen ist in Deutschland ca. jedes 3. bis 4. Mädchen
und
ca. jeder 9. bis 12. Junge von sexuellem Missbrauch (einmalig wie auch langjährig)
betroffen.
Die Zahlen können nur geschätzt werden, da der grösste Teil der
Taten nie zur Anzeige gebracht wird, die Dunkelziffer ist also extrem hoch.
Es handelt sich um Kinder jeder Altersstufe, vom Säugling bis zur Volljährigkeit,
bei Frauen setzt sich die Angst fort, auch als Erwachsene vergewaltigt zu werden.
Dazu kommt, dass juristisch nicht alles als sexueller Missbrauch gilt, was in
der Definition aufgezählt wurde, und somit auch nicht in der Statistik
der Polizei auftaucht.
Täter
Täter sind zu 90 % Männer, 10 % sind
Frauen. Über den Missbrauch durch Frauen gibt es bislang kaum Bekanntes,
aber dieser Bereich kann und darf nicht vernachlässigt werden, denn die
Opfer leiden trotzdem.
Die Täter finden sich überwiegend im sozialen Nahumfeld der Kinder:
22 % kommen aus der Familie des Kindes (Vater, Onkel, Stiefvater, Bruder,
...)
28 % sind Fremdtäter, davon 9 % Exhibitionisten
50 % kommen aus dem Umfeld des Kindes (Nachbarn, Lehrer, Trainer, Freunde der
Familie, Gruppenleiter, ...)
(Die Zahlen sind aus: "Fass mich nicht an", Hrsg. Violetta e.V., S.6)
Daraus lässt sich schliessen, das ca. ¾ der Täter dem Opfer vorher bekannt waren. Viele Täter missbrauchen innerhalb und ausserhalb der Familie und mehr als nur ein Kind. Oft beginnen sie schon in jungen Jahren mit dem Missbrauch:
40 % sind unter 18 Jahren
50 % sind 19 bis 50 Jahre
10 % sind über 50 Jahre
(Die Zahlen sind aus: "Fass mich nicht an", Hrsg. Violetta e.V., S.6)
Die Täter können aus allen sozialen Schichten stammen und scheinen nach aussen hin meistens eher angepasst und unauffällig.
Der Missbrauch durch Täter aus dem nahen Umfeld des Opfers hat meist
eine ganz bestimmte, eigene Dynamik. Im Gegensatz zum Missbrauch durch Fremdtäter
ist er normalerweise keine einmalige Tat.
Der Täter baut Vertrauen auf, gleichzeitig schafft er die Isolation des
Opfers in der Familie, Klasse, Freundeskreis, z.B. durch Bevorzugung, so das
andere neidisch werden.
Er sucht Situationen, in denen er mit dem Opfer alleine ist.
|
Dadurch bekommt das Kind Schulgefühle, meint, sich nicht genug gewehrt zu haben und hat Angst, dass ihm nicht geglaubt wird. Es weiss nicht mehr, ob es dem Täter oder den eigenen Gefühlen glauben soll. |
Je länger der Missbrauch dauert, desto stärker wird
die innere Zerrissenheit des Kindes. Es erfährt eine Demütigung zum
Sexualobjekt und verliert auch das letzte bisschen Selbstachtung. Dies kann
dazu führen, dass die später erwachsenen Menschen in ähnliche
Abhängigkeitsverhältnisse gelangen (Frau - gewalttätiger Ehemann,
etc.), denn sie haben gelernt, nicht auf ihre eigenen Gefühle zu achten
und sich bedingungslos zu unterwerfen. Die Fähigkeit Grenzen zu setzen,
ist nicht mehr vorhanden.
Trotz allem Zwang, das Geheimnis zu wahren, senden viele betroffene Kinder Signale
aus, in der Hoffnung, jemand würde sie bemerken. Diese können sehr
widersprüchlich sein, ebenso, wie die Widersprüche, die das Kind empfindet.
Beispiele aus einer Auflistung nach Enders (entnommen aus: Koch, Kruck: "Ich
werd´s trotzdem weitersagen!", S.26 f.)
All diese Signale können, müssen aber keinesfalls
auf sexuellen Missbrauch hinweisen. Sie deuten aber auf Probleme hin, denen
man Beachtung schenken sollte, auch wenn es kein Missbrauch ist.
Zu dem sollte man sich vor Augen halten, dass all dies Zeichen des Widerstandes
sind. Das Kind versucht mit der Sprache, die ihm geblieben ist, auf seine Probleme
aufmerksam zu machen und Hilfe zu holen. Von sexuellem Missbrauch betroffene
Kinder entwickeln letztendlich also unheimlich viel Kraft und ihre ganz eigenen
Strategien um überhaupt überleben zu können. Sie sind also nicht
in erster Linie Opfer, sondern Menschen mit ganz besonderen Stärken und
Fähigkeiten.
Das Wort "präventiv" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet
übersetzt: vorbeugend, abwehrend, zuvorkommend. Ursprünglich wurde
der Begriff der Prävention in der Medizin verwendet und ist unterteilt
in primäre Prävention (d.h. Krankheiten vorbeugen) und sekundäre
Prävention (d.h. Krankheiten möglichst früh erkennen, damit sie
besser behandelbar sind).
Im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch ist dieser Begriff ein wenig anders
zu verstehen, denn Missbrauch ist keine Krankheit, die man mit Tabletten heilen
kann. Aber auch hier lassen sich verschiedene Ebenen unterscheiden:
Streng genommen ist nur die primäre Prävention wirklich
vorbeugend im Sinne des Wortes "präventiv", aber die drei Ebenen
sind nicht klar von einander zu trennen. Denn sieht man sich die oben genannten
Zahlen an, muss man davon ausgehen, dass bei jedem Präventionsprojekt auch
Kinder anwesend sind, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind. Insofern
ist es unverantwortlich, sich nicht damit zu beschäftigen, wie man mit
der Aufdeckung eines Missbrauchs umgeht.
Wenn man eine Atmosphäre schafft, die Offenheit für das Thema signalisiert,
ist es gut möglich, dass betroffene Kinder sich dazu entschliessen, ihr
schlechtes Geheimnis jemandem zu erzählen. Als verantwortungsbewusster
Sozialarbeiter sollte man dann in der Lage sein, kompetent und sensibel darauf
einzugehen und das Kind evtl. an entsprechende Stellen weiter zu vermitteln.
Durchschnittlich muss ein betroffenes Kind neun Mal verschiedene Menschen um
Hilfe bitten, bis es jemand findet, der ihm glaubt!
Traditionelle Ansätze oder "Wer hat Angst vorm bösen Mann?"
Das charakterisierende an den früheren Präventionsansätzen waren die ausdrücklichen Verhaltensregeln: "Geh nicht alleine weg!", "Nimm nie Süssigkeiten von Fremden an!", "Lass dich nicht von Fremden ansprechen!", "Zieh dich anständig an!", usw.
Trotz allen Kritikpunkten an diesen Präventionsansätzen, es ist immer
positiv zu bewerten, das Menschen sich überhaupt Gedanken zu so einem Thema
machen, das mit Vorliebe totgeschwiegen wird. Wichtig ist jedoch, das die Gedanken
mit wachsender Erfahrung auch weiter entwickelt werden, denn diese Form der
Präventionsarbeit hat sich als nicht wirksam genug erwiesen.
Mitte der 80er Jahre wurde durch die Frauenbewegung das Thema sexueller Missbrauch durch Verwandte und bekannte Personen zunehmend in die Öffentlichkeit gerückt. Es entstanden Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen, die betroffenen Frauen gingen mit ihrem Schicksal an die Menschheit. Ein herausragendes Beispiel dafür ist eine Demonstration in den USA (leider ist mir kein genaueres Datum bekannt), wo Tausende von Frauen auf die Strasse gingen und sich als Überlebende outeten.
Durch dieses neue Selbstbewusstsein entstanden neue Präventionsleitsätze,
die sich in sechs Punkte zusammen fassen lassen. Dabei gilt: "Vorrangiges
Ziel ist es nicht, Angst zu erzeugen, sondern die Kinder zu stärken, indem
sie lernen, ihr Recht auf Selbstbestimmung wahrzunehmen." (Aus: Koch, Kruck:
"Ich werd´s trotzdem weitersagen!", S. 43)
1. Jedes Kind hat das Recht, über seinen eigenen Körper zu bestimmen
und auch darüber, wer ihn wie anfasst.
2. Jedes Kind soll wissen, dass es gute, schlechte und komische Gefühle
haben kann und darf. Es soll lernen, dazwischen zu unterscheiden.
3. Kinder sollen lernen, sich auf ihre eigenen Gefühle und Wahrnehmungen
zu verlassen, auch wenn andere (z.B. Erwachsene) ihnen das Gegenteil erzählen.
4. Kinder sollen den Unterschied zwischen guten und schlechten Geheimnissen
erkennen können und wissen, dass schlechte Geheimnisse immer weitergesagt
werden dürfen.
5. Jedes Kind hat das Recht "NEIN" zu sagen, wenn ihm etwas nicht
gefällt, auch und gerade gegenüber Erwachsenen.
6. Jedes Kind hat das Recht darüber Bescheid zu wissen, bei wem es ein
offenes Ohr und Unterstützung findet, wenn es ein schlechtes Geheimnis
hat.
Diese Grundsätze haben das Ziel, die Kinder in ihrem Selbstbewusstsein
zu fördern, denn je mehr Kinder ihren eigenen Gefühlen und Empfindungen
trauen, desto weniger leicht sind sie zu manipulieren. Zum anderen bekommen
sie konkrete Handlungsmöglichkeiten vermittelt und sollen lernen, diese
anzuwenden.
Ausserdem vermittelt dieser Präventionsansatz nicht von vorn herein ein
negatives Verhältnis zur Sexualität und zum eigenen Körper, wie
frühere Ansätze. Er schafft vielmehr den Raum, offen zu reden, was
gerade bei Jugendlichen in der Pubertät bzw. Vor-Pubertät unheimlich
wichtig ist.
Zu jedem der sechs Punkte gibt es kleine Spieleinheiten, die -leicht abgewandelt-
in jedem Alter eingesetzt werden können. Eine ausführliche Sammlung
ist im Buch "Ich sag NEIN!" von Gisela Braun zu finden, auf das ich
hier verweisen möchte.
Daneben gibt es viele Kinder- und Jugendbücher, die sich einfühlsam
und mehr oder weniger direkt mit der Thematik des Missbrauchs, aber auch mit
Gefühlen und Selbstbewusstsein beschäftigen. Ein geringer Teil davon
ist in der Literaturliste zu finden.
An dieser Stelle möchte ich auch auf verschiedene Theaterstücke hinweisen, die einen schönen Einstieg in die Thematik ermöglichen, wie z.B. "Das Familienalbum" vom Fundus Theater Hamburg oder "Mein-Körper-gehört-mir!", dass von der Hamburger Beratungsstelle Dunkelziffer getragen wird.
Auch wenn die neueren Ansätze der Prävention durchaus positiv sind,
heisst das noch lange nicht, dass sie ohne weiteres, jederzeit und von jedem
eingesetzt werden können.
Menschen, die Präventionsarbeit mit diesen Grundsätzen durchführen
wollen, sollten in der Lage sein, offen über Sexualität und Gefühle
reden zu können und ihr Verhalten zu reflektieren. Zum anderen sollten
sie zunächst sich selbst genügend Informationen zur Thematik beschaffen
und wissen, wo sie sich evtl. Unterstützung holen können, damit ein
betroffenes Kind eben nicht neun Mal um Hilfe rufen muss, sondern schneller
jemanden findet.
Ein weiterer wichtiger Punkt ist es, darauf zu achten, dass betroffene Kinder
eben nicht "Nein" sagen konnten bzw. nicht darauf gehört wurde.
Diese Kinder werden denken, dass sie zu schwach oder unfähig sind, wenn
ihnen immer erzählt wird, dass sie sich wehren können. Sie werden
somit nur noch stärker in ihre Selbstzweifel und Schuldgefühle getrieben.
Es ist also unheimlich wichtig, immer und immer wieder zu betonen, dass die
Schuld NIE beim Opfer liegt, sondern immer beim Täter, denn Kinder sind
nun einmal nicht so stark wie Erwachsene. Ausserdem haben sie ein essentielles
Bedürfnis nach Liebe und Zuneigung, ohne das sie gar nicht überleben
könnten und haben somit auch nicht die Verantwortung dafür, wenn jemand
dieses ausnutzt. Zu den oben genannten sechs Punkten gehört also eigentlich
noch ein siebter:
7. Jedes Kind sollte wissen, dass es keinerlei Schuld an Missbrauch hat, egal
ob es sich gewehrt hat oder nicht.
Die Wirksamkeit dieses Ansatzes lässt sich nicht einfach überprüfen,
bislang gibt es noch keine Studien darüber, da noch keiner verwertbare
Methoden zum Messen entdeckt hat. Wie soll man auch überprüfen, wie
Kinder in vermeintlichen Gefahrensituationen reagieren. Allerdings sehe ich
es als grundsätzlich positiv an, wenn Kinder lernen, ihren eigenen Gefühlen
zu trauen, sich eigene Gedanken zu machen und diese zu vertreten. Dafür
nehme ich persönlich auch in Kauf, dass ich viele Sachen mehr erklären
und vielleicht auch mehr ausdiskutieren muss, da die Kinder einfach mehr nachfragen
und verstehen wollen.
In diesem Kapitel bezieht sich der Begriff "Täter" immer
auf männliche Täter, da über Frauen als Täter kaum Literatur
oder Information vorhanden ist.
Viele Täter beginnen in jugendlichem Alter mit ihren Taten , und da sexueller
Missbrauch meist eine Wiederholungstat ist, machen sie weiter, bis sie daran
gehindert werden. Leider gibt es auch über diesen Bereich der Prävention
wenig Informationen, ebenso wenig, wie es spezialisierte Hilfsangebote für
Täter gibt, obwohl eine gut funktionierende Täterprävention die
einzige Möglichkeit ist, dass sexuelle Gewalt erst gar nicht ausgeübt
wird. Viele Jugendliche fallen durch sexuell übergriffiges Verhalten gegenüber
dem anderen Geschlecht auf. Dann ist es Aufgabe der Erwachsenen, darauf angemessen
zu reagieren und nicht stillschweigend darüber hinwegzusehen oder es als
vorübergehendes pubertäres Verhalten abzutun, denn allzu oft ist dies
der Einstieg in eine lang andauernde Täterkarriere.
Zunächst einmal soll hier das Vorurteil widerlegt werden, dass alle Täter
in ihrer Kindheit auch sexuell missbraucht worden sind. Das mag sicherlich auf
einen Teil zutreffen, aber wenn es allein danach gehen würde, dass alle
Missbrauchsopfer zu Tätern werden, müsste es definitiv mehr weibliche
als männliche Täter geben.
An der University of California wurden von Neil Malamuth u.a. Untersuchungen
zu den Ursachen von sexueller Gewalt durchgeführt, allerdings nicht speziell
bezogen auf den sexuellen Missbrauch von Kindern. Dies soll hier kurz erläutert
werden, denn sinnvolle Prävention muss bei den Ursachen ansetzen.
Malamuth entwickelte ein Modell in dem es zunächst um zwei Risikofaktoren
geht:
A. feindselige Männlichkeit
B. unpersönliche Sicht von Sexualität
A. beschreibt ein soziales Verhalten, dass von hohem Misstrauen und Feindseligkeit gegenüber Frauen gekennzeichnet ist. In sexuellen Beziehungen werden Kontrolle und Dominanz als Möglichkeit gesehen, das Misstrauen zu befriedigen. Zur "feindseligen Männlichkeit" kann es aus unterschiedlichen Gründen kommen, z.B. durch "hypermaskuline Bilder und frauenfeindliche Einstellungen unserer Kultur, die über das Elternhaus, die Gleichaltrigengruppe oder Medien an die Jungen herangetragen werden." (Aus: "Die leg´ ich flach!", Hrsg. Amyna e.V., S. 34) Aber auch fehlende männliche Bezugspersonen scheinen eine grosse Rolle zu spielen. Ausserdem erfahren gerade Jungen, die sowieso schon aggressiv auffallen, besonders viel Ablehnung und Misstrauen. Dies kann dann möglicherweise vom Jungen während des Heranwachsens auch auf andere Bereiche, z.B. Beziehungen zu Mädchen, übertragen werden.
B. bedeutet, dass Sexualität von Beziehungen und Emotionalität getrennt betrachtet wird. Gerade pubertierende Jungen beschäftigen sich meistens (im Gegensatz zu Mädchen) zunächst mit der körperlichen Seite der Sexualität, erst später trauen sie sich an die damit verbundenen Gefühle heran. Wird die emotionale Sicht der Sexualität aussen vor gelassen, ist es möglich, dass Frauen und Mädchen nur als Objekt der Befriedigung gesehen werden. Dies wiederum kann zu Konflikten in der Beziehung führen, die von den Jungen/ Männern mit Zwang gelöst werden, was erneute Zurückweisung ermöglicht.
Ein dritter, entscheidender Faktor ist die fehlende Empathie der Täter.
So sorgt nach Malamuth eine hohe zwischenmenschliche Empathie letztendlich dafür,
dass Menschen mit hohen Werten auf beiden Risikofaktoren trotzdem keine sexuelle
Gewalt ausüben. Die Fähigkeit zum Mitgefühl entsteht u.a. aus
dem respektvollen Umgang der Eltern mit den Grenzen des Kindes und auch in der
Ermutigung des Kindes, wenn es versucht die Gefühle anderer nachzuvollziehen.
Aus diesen drei Faktoren, feindselige Männlichkeit, unpersönliche
Sicht von Sexualität und fehlende Empathie, entsteht laut Neil Malamuth
sexualisierte Gewalt.
Für die Täterprävention lassen sich daraus natürlich auch Handlungsmöglichkeiten ableiten, wobei es ganz wichtig ist, dass Täterprävention unter keinen Umständen eine Stigmatisierung oder Vorverurteilung sein soll. Sie soll vielmehr den Jungen helfen, ihre eigene Identität zu finden und soll sie in ihrer Entwicklung fördern. Die sozialen Erfahrungen von Jungen sollen bereichert werden, z.B. in Jungengruppen, der Stellenwert von Gewalt zwischen Jungen, aber auch in anderen Beziehungen sollte thematisiert werden. Letztendlich sollte auch hier wieder bei der geschlechtsspezifischen Erziehung angesetzt werden, denn es geht darum, den Jungen zu vermitteln, dass "männlich-sein" nicht bedeutet Macht auszuüben, stark und aggressiv zu sein, sondern dass auch Männer Gefühle haben und zeigen dürfen, schwach und hilflos sein dürfen. Wer selber Gefühle zeigen kann, respektiert auch eher die Gefühle anderer.
Es gibt auch bei der Täterprävention drei Ebenen:
· Primäre Prävention: soll verhindern, dass jemand überhaupt
grenzverletzend wird.
· Sekundäre Prävention: soll aktuell ausgeübte Gewalt
frühzeitig beenden
· Tertiäre Prävention: ist Rückfallprävention im
klassischen Sinne als Teil einer Therapie. Sie soll eine Chronifizierung verhindern.
(Unterteilung übernommen aus: "Die leg´ ich flach!", Hrsg.
Amyna e.V., S. 112)
Auch hier lassen sich ähnlich wie bei der Opferprävention die drei Ebenen nicht klar voneinander trennen.
Wie schon oben aufgezeigt, gibt es aber bislang noch keine ausgearbeiteten Konzepte einer wirkungsvollen Täterprävention. Was die primäre Prävention angeht sind mittlerweile einige Handlungsmöglichkeiten bekannt, aber für die sekundäre und tertiäre Täterprävention ist noch nicht mal das vorhanden, ebenso wenig gibt es empirische Untersuchungen über die Wirksamkeit von Tätertherapieprogrammen o.ä.
Das Aufdecken von sexueller Gewalt, die Unterbindung derselben und der Umgang
mit dem Täter (sekundäre Prävention) ist nach wie vor dem Ermessen
des Pädagogen/ Sozialarbeiter überlassen. Bei vielen herrscht hier
jedoch die "Strategie der Hilflosigkeit" und eine so grosse Unsicherheit,
dass es dringend notwendig wäre, sich intensiv damit auseinander zu setzen,
wie man es verhindert, dass aus jugendlichen "Einmal"-Tätern
keine Wiederholungstäter werden.
Abschliessend lässt sich feststellen, dass
wirkungsvolle Prävention immer auf mehreren Ebenen gleichzeitig ansetzten
muss:
Davon abgesehen ist Präventionsarbeit immer noch viel zu sehr auf Einrichtungen
und Institutionen beschränkt. Einzelne Schulen, Kitas oder Jugendeinrichtungen
führen Präventionsprojekte durch, aber noch lange nicht genug.
Meiner Meinung nach muss Prävention in den alltäglichen Umgang mit
Kindern einfliessen, jeden Tag und überall, ob zu Hause oder in der Schule,
denn eigentlich ist eine Erziehung zum eigenen Denken der beste Schutz. Leider
teilen nicht besonders viele Menschen diese Meinung, denn Kinder mit eigenen
Ideen, Gedanken und einem gesunden Selbstbewusstsein sind schliesslich nicht
immer nur pflegeleicht. Sie fragen nach und fordern Erklärungen und Antworten,
die manchmal auch für uns Erwachsene nicht einfach zu finden sind. Nicht
zuletzt wird auch das "Nein" eines Kindes immer noch zu oft als ungehorsam
verstanden.
Kinder haben das Recht auf eine eigene Meinung, auf "Nein-sagen" und
darauf, das niemand ihre Seele verletzt, indem er sich an ihrem Körper
vergreift!
Es wird noch lange dauern, bis diese Einstellung sich wirklich verbreitet und
nicht nur von Pädagogen, sondern auch von Eltern akzeptiert wird. Solange
sind aber gerade die Menschen gefordert, die sich schon mit der Thematik auseinander
gesetzt haben, sie weiter zu vermitteln.
Jedes Kind, dass sexuell missbraucht wird, ist eines zu viel; jedes Präventionsprojekt,
dass einen Missbrauch verhindert, hat seinen Sinn erfüllt!