1992 war das Thema Crack
vornehmlich ein lokales, in den Suburbs in den USA. Doch seit 1994 geistert
es ab und an auch durch die Gazetten deutscher Großstädte, in erster Linie Frankfurt
und Hamburg. Und heute, im Jahre 2001, haben wir es unaufhaltsam bei uns in
den Quartieren. Jetzt ist Kokain erschwinglich auch für den kleinen Geldbeutel:
Für 5 - 10 DM ist ein Stein erhältlich. Ein Bröckchen Kokain, in Ammoniak aufgekocht,
leicht knisternd, wenn man es anzündet, knackend, crackig, Steine auch genannt,
ein Bröckchen rauchbares Kokain, die Quintessenz der Droge in einer Pfeife,
oder einer Blechdose, den Rauch tief in die Lungengezogen, und in 10 Minuten
wird die ganze Gefühlswelt einmal durchgespielt, die Hochgenüsse, aber auch
die Tiefs, das Glück und die Paranoia, für 10 DM 10 Minuten auf der Oberkante
der Gefühlsebene, und wehe!, es sind auch schlechte oder unangenehme Gefühle
dabei. Und niemand glaube, er sei nur von positiven Gefühlen überflutet und
könne die mit dem Stoff auch noch steigern, nicht nur Glück, sondern Überglück
zu suchen. Das mag auch mal vorkommen, für ein paar Augenblicke, doch als Ausnahme.
Die anderen Sorgen, die Ängste um seine Freunde, seinen Job, das Gefühl, nicht
gebraucht zu werden, die Angst, die anderen wollen einem ans Leder, die ganze
Einsamkeit
und Verlassenheit, auch das alles wird ins Vielfache gesteigert, für 10 Minuten
im Gefühl: Das kriegen wir alles gewuppt. Doch danach kommt der Zerfall: Ich
raff nichts mehr! Und nur mit dem Stoff krieg ich mein Selbstwertgefühl wieder
zusammen. Man täusche sich nicht: Wer Crack, Freebase oder Koks in jeglicher
Form absetzt, hat keinen körperlichen Entzug, keine Schweißausbrüche, keine
Krämpfe, keine heiß-kalten Fluten oder Dünnpfiff. Aber so bald der Stoff nicht
mehr wirkt, fühlt man sich nur noch Scheiße. Und ohne Hoffnung, das zu ändern.
Es sei denn, mit neuen Zügen aus der Dose oder Pfeife. Man täusche sich nicht:
Eine Dosis ist billig und erschwinglich, für ´nen Zehner ein super Kick. Aber
du mußt unbedingt schnell nachlegen, vier oder fünf Mal jede Stunde, und das
den
ganzen Tag, solange das Geld reicht und dein Körper es aushält, denn der vergißt
die anderen Bedürfnisse, braucht keinen Schlaf und kein Essen, denkst du, Ratten,
die sich selbst mit Kokain dosieren konnten, sind jämmerlich verhungert, Crack-Junkies
auf der Szene müssen sich mit Opium und Heroin wieder ruhigstellen, um es mit
sich wieder aushalten zu können, Szenarien, die sonst eher Psychotiker kennen.
Es spielt auch keine Rolle, ob man es Crack nennt, Base, Rockies, Steine, oder
ob jemand einfach nur Kokain raucht, wozu er es entsprechend aufbereitet. Der
Stoff kommt direkt aus Teufels Küche! Nach einem Zug ist niemand abhängig, aber
der Stoff verführt wie kaum ein anderer zu Nachlegen, schnell und immer wieder.
Wir haben nichts davon, wenn Crack nur verteufelt wird, weil dann niemand mehr
Crack raucht, sondern nur ein bischen Koks aufgekocht wird, und das wird dann
geraucht, und das ist dann auch gar nicht schlimm. Oder Crack erst Recht, weil
diese verschissene Welt, in der alles immer schneller und immer geiler hinzukriegen
ist,
gar nicht anders auszuhalten ist. Aber es nützt auch nichts, die Augen zu verschließen,
und das, was die Experten psychische Abhängigkeit nennen, zu beschönigen. Fakt
ist: Kaum jemand ist davor gefeit, dieser Sucht zu erliegen. Und jeder, der
glaubt, er sei die Ausnahme in einer süchtigen Gesellschaft, ist mit großer
Wahrscheinlichkeit das nächste Opfer. Wir warnen dringend davor, mit Crack zu
experimentieren und so seine Fitness zu fördern oder zum Beweis zu bringen.
Und, falls es unumgänglich sein sollte, eine weitere dringende Empfehlung: Holt
euch Profis und ihren Rat zu entsprechender Versuchsanordnung!
Jürgen Haug, Streetlife e.V. im Februar 2001
DIE FOTOS SIND AUS DEM SEHR EMPFEHLENSWERTEN BUCH :
CHRISTIAN RÄTSCH
ENZYKLOPÄDIE DER PSYCHOAKTIVEN PFLANZEN
AT-VERLAG AARAU,4AUFL. 1999
Während in den Hamburger Randbezirken der Crack-Konsum sich noch im überschaubaren Rahmen hält, steigt doch in den Drogenhochburgen St. Georg und Schanzenviertel der weiße Dunst aus den Blechdosen des rauchbaren Kokains unübersehbar in den Hamburger Nachthimmel. Bis in die Mitte der 90er Jahre war Crack vornehmlich in der Frankfurter Szene verbreitet und in den nordamerikanischen Städten berüchtigt. Und nun, zum Wandel des zweiten Jahrtausends ins dritte, gehört es mittlererweile zum Tagesbild. Ein großer Teil der Hamburger Drogenszene konsumiert Crack. Vor ein paar Jahren wurde Crack von den KonsumentInnen großteils noch selbst aus Kokainhydrochlorid und Ammoniak oder Natron hergestellt. Inzwischen wird es zumeist als Fertigprodukt von den Straßendealern angeboten. Neben den bekannten Straßenzügen in St. Georg und Schanzenviertel wird Crack vor allem in den S-Bahn-Höfen und in den S-Bahnen selbst zwischen Hauptbahnhof und Altona (auf den Linien S1, S3, S11, S21 und S31) angeboten. Zumeist schwarzafrikanische Dealer arbeiten effizient in Gruppen und liefern den Stoff den Konsumenten, die den schnellen Kick suchen müssen. Es ist einfach geworden, Crack zu bekommen. Von den meisten KonsumentInnen wird Crack jedoch nicht ausschließlich, sondern zusammen mit anderen Drogen benutzt.
Viele Jugendliche fahren zu festlichen Zeiten in die Metropolen, holen sich den prickelnden Stoff und bringen ihn wieder zurück nach Hause oder auf Party. Es bleibt aber vielfach im Stadium des Ausprobierens. Und wenn die Sozialhilfe an einem Wochenende amMonatsbeginn verprasst ist, muß man eben bis zum nächsten wieder warten, um Party-Crack zu besorgen.
Aber:Crack hat das Potential, sich zur Seuche zu entwickeln!
Hardcore-Konsumenten, die verschiedene Rauschmittel nebst CrackTag für Tag in großem Ausmaße zwanghaft verbrauchen, stellen inzwischen selbst für die etablierten Drogenhilfe- und Konsumeinrichtungen derart ein Problem dar, daß immer wieder auch Crack-Raucher aus den Einrichtungen verwiesen werden, weil deren Paranoia und Aggression auf keine der bekannten Umgangsweisen der Drogenhelfer anspricht.
Besonders verschärft ist das Problem bei der Gruppe der MigrantInnen. Sie haben in der Regel einen ungesicherten Aufenthaltsstatus, iuristische Probleme und aus dem Konsum resultierende erhöhte gesundheitliche Risiken (z.B. der Hepatitis-Infektion) oder diverse soziale Komplikationen. Für die hat auch die Straßensozialarbeit kaum Antworten.
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Es wäre halt schön, wenn es ein paar Plätze zum Zurückziehen oder Ausruhen, auch tagsüber, für das gehetzte und getriebene, die Szene aggressiv aufmischende Volk der Crack-Konsumenten geben würde. |
Doch noch sieht die zuständige Behörde für Drogenkonsum keinen Handlungsbedarf, glaubt, daß die von ihr bezahlten Sozialarbeiter und eingerichteten Hilfsangebote hinreichend mit dem Problem umgehen könnten.
Bis Ende April sollen neue Recherchen über die Notwendigkeit weiterer Aufwendungen im Crackhilfebereich eingezogen sein. Dann wird nochmal im Gesundheitsausschuß der Hamburger Bürgerschaft zusammengesessen und festgestellt werden, daß tatsächlich in Hamburg genug im Drogenhilfebereich geleistet wird. Und hat erst mal die Heroinvergabe-Ambulanz, wo auch immer, ihren Betrieb aufgenommen, wird sich das auch positiv, nämlich diminuierend, auf den Crack-Konsum auswirken.
Zumindest sollte das doch bis zur nächsten Wahl ausreichen ...
Jürgen Haug, Streetlife e.V. im März 2001
Die Steine die Du rauchst sind Crack …
Steine schädigen Deine Gesundheit ...
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Was Du beachten solltest ...
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Wir bedanken uns bei Projekt Laufwerk und Drob INN, die uns
die Safer-Use-Tipps zu Crack
freundlicherweise zur Verfügung gestellt haben.
Noch ist es nicht soweit, daß Dealer an Straßen oder Häuserecken (wie im Schanzenviertel) Spalier stehen,um ihre Drogen an den Mann zu bringen. Dennoch ist es inzwischen so, daß auch in Rahlstedt Crack konsumiert wird. Zweierlei Indizien sind auffällig:
1. Es gibt einige Jugendliche in unserem Einzugsbereich, die ab und an zum Hauptbahnhof fahren, um fertiges Crack (sprich: Steine) zu kaufen. Das wird dann wieder in den Bezirk geschleppt und (im Wesentlichen) auf privaten Parties konsumiert. Crack gilt als cool, speziell bei denjenigen, für die die Modekonsumeinheiten in Pillenform, Ecstasy, Speed, Amphetamine, schon wieder abgeklungen ist. .Jugendliche bzw. Jungerwachsene, die von der Sozialhilfe leben, haben am Monatsanfang Geld und hauen es im kleinen Kreise auf den Kopf, und das recht schnell. Crack ist eine Droge, die schnell wieder nachgeschoben werden muß. Ist ein Wochenende, sie befinden sich ja auch in Ausbildung, Schulung oder Qualifizierung, durchgefeiert und dauerhigh verbracht, ist für den Rest des Monats Darben angesagt. Außer ein paar kleineren Deals oder Abzocken sind noch keine größeren kriminellen Delikte zu vermeiden, um den Konsum, der doch öfter wünschenswert wäre, zumindest jedes Wochenende und dann auch zwischendurch, zu finanzieren. Ich betone: noch! Es häufen sich aber die Fälle, in denen aus Geldmangel die Wohnung nicht mehr gehalten werden kann, weil frühzeitig verprasst, oder in denen die Maßnahmen zur Wohnungssicherung einfach auch verschlafen wurden, zumindest nicht für wichtig erachtet. Bevor sie aber auf der Obdachlosen und Junkieszene in der Innenstadt stranden, kommen sie doch noch in die Beratung und erhoffen sich Hilfe. Zum zweiten Mal betone ich: noch!
Unsere Bedenken sind
einfach: Das könnte schnell kippen! Dieses Potential, das in verschiedenen
Kokainkonsumformen steckt, hat schon ganz andere überfordert. Umso mehr, so
unsere Befürchtung, Jugendliche, die Selbstbewußtsein und Selbstwertgefühl
erst noch aufbauen müssen, und sich im Kokainhochgefühl dieses schnell und
trügerisch holen können Keine Frage: Crack hat das Zeug, sich bei uns zur
Seuche zu entwickeln!
Wird nun möglicherweise enormer Druck auf die innerstädtische Dealerszene ausgeübt, oder entdecken auch (weitere) Dealergruppierungen, daß dort ein neuer Markt zu erobern ist und doch einiges an Geschäft zu machen ist, oder entdecken Asylbewerber aus umliegenden Unterkünften, die den großen Markt an Schanze und Hauptbahnhof bedienen, daß auch da noch eine zusätzliche Mark zu machen ist. haben wir ordentlich Angebot und Nachfrage direkt vor unserer Haustüre. Und das dann nicht mehr in einem bedenklichen Ausmaße, sondern massiv und fatal.
STREETLIFE fordert, rechtzeitig Personal- und Sachmittel in die gefährdeten Außenbezirke bereit zu stellen, um für die Jugendlichen/Jungerwachsenen was tun zu können, die zu den normalen Drogeneinrichtungen keinen Zugang finden würden, selbst wenn diese das wollten. Es muß von der Seite der Jugendsozialarbeit und Präventionsarbeit aus Drogenarbeit geleistet werden, nicht von der Seite des städtischen Drogenreferates aus auch noch zusätzlich über ihre sonstige Tätigkeit hinausgehende Jugendarbeit. Das wäre eine völlige Überforderung! und es erfordert eine frühzeitige Zusammenarbeit der zuständigen Behörden für Drogen und Jugend und keine langwierigen Evaluationsstudien, die das Geld kosten, was für die konkrete Arbeit dann fehlt!
Jürgen Haug, Streetlife e.V. im Mai 2001
Crack im Hamburger Jugendhilfesystem
Crack hat in größeren
Dimensionen den Einzug in die Drogenkonsumszene der Freien und Hansestadt
Hamburgs gehalten. Dennoch wird es in erster Linie und fast ausschließlich
als Problem der offenen Drogenszene und der sich im Vollzug der Verelendung
befindlicher Hardcore-Junkies behandelt. Damit fällt es denn auch hauptsächlich
in den Behandlungsbereich der zuständigen Gesundheitsbehörde und
ihrer Abteilung Drogenreferat.
Das entspricht durchaus der Tradition der Drogenpolitik des Hamburger Senats
der letzten Jahre, sich da und dann zu engagieren, wenn ein Problem schon
völlig augenscheinlich ist und überwuchernd, so daß eine Lösung
kaum mehr möglich ist, sondern höchstens eine gewisse Milderung.
Dennoch gibt es deutliche Anzeichen, daß das Problem Crack auch in den
Bezirken ist und bei Jugendlichen und Jungerwachsenen, die noch nicht in der
Szene am Hauptbahnhof und/oder Schanzenviertel gestrandet sind. Recherchen
in Rahlstedt haben das deutlich gezeigt, weitere Anzeichen gibt es auch in
Barmbek, Wilhelmsburg oder Altona.
Das große Manko, dies hatte auch die Befragung der zuständigen
Behörde für die Belange der Jugend ergeben, bleibt, daß die
Einrichtungen der Jugend- und Jugendsozialarbeit kaum Problembewußtsein
und Gespür für crackkonsumierende Jugendliche entwickelt haben und
entsprechend auch wenig bislang dazu sagen können. Zumal sie sich nach
wie vor mit der Haltung konfrontiert sehen, Steine, Rocks, Koks zu rauchen,
ist ja auch kein Crack-Konsum und entsprechend nicht so brisant.
Ähnliche Recherche-Probleme dürften auch der gesamtdeutschen Studie
der Bundesregierung zugrunde liegen, die zu dem Ergebnis gelangt, außer
in den Metropolen Frankfurt und Hamburg ist Crack wenig verbreitet.
Was also ist zu tun?
Crackkonsumierende Jugendliche sind im Wesentlichen Jugendliche wie andere
auch. Nur befindet sich ihre ganze Existenz quasi im Rausch der Geschwindigkeit,
das Auftauchen und Anhäufen der Probleme genauso wie auch allerarten
Glücksgefühle, alles nur etwas schneller und heftiger. Das erfährt
sich dann auch besonders in den Brüchen der menschlichen Existenz.
Dementsprechend müssen auch die Umgehensweisen der Jugend- und Jugendsozialarbeit
sich auf die Existenzprobleme der Jugendlichen, die jeder hat, konzentrieren,
nur etwas intensiver und ruhiger. Es geht also auch hier um Wohnungssuche
und -sicherung, Qualifizierung und Berufsfindung, Wege der finanziellen Absicherung
und gesellschaftlicher Perspektiven, etc.etc.
Die graduellen Schwankungen zwischen - der Größte in der Clique
- und - nichts in dieser Arbeitswelt - sind auch konsumbedingt und konsumbegleitend
noch sehr viel größer, so daß auch die Bearbeitung sehr viel
mehr Behutsamkeit erfordert.
Es ist also das zu tun, was für andere Probleme der Jugendlichen und
Jungerwachsenen auch zu tun ist, nur fünf- bis zehnmal so intensiv, inhaltlich
wie zeitlich und personalaufwendig. Hierfür muß in den Problembezirken
Kapazität freigeschaufelt werden. Und es muß von der Jugendbehörde
aus angegangen werden. Denn Crack ist auch ein Problem der Jugendlichen mit
bezirklicher Anbindung, mit eigenem Wohnraum, örtlichem Sozialamt oder
schulischer und beruflicher Ausbildung, und nicht nur der offenen Drogenszene.
Dieses Engagement kann in Absprache und Vernetzung mit den Einrichtungen der
lebensrettenden und auch ausstiegsorientierten Drogenarbeit, muß aber
auch autonom und selbstgestaltend geschehen.
Es besteht Handlungsbedarf, bevor die Jugendlichen ihre regionale Einbindung
verlieren und am Hauptbahnhof stranden.
Mut also, Einrichtungen der offenen Jugend-, Straßen- und Jugendsozialarbeit,
für selbständige und neue Wege!
Jürgen Haug, Streetlife e.V., im August 2001